Gottesferne
An der Längswand des von Alban Ho Van auf die Bühne der Oper zu Lyon gebauten modern-zeitlosen Refektoriums steht das Motto «Nous avons cru à l’amour de Dieu pour nous» («Wir haben an die Liebe Gottes zu uns geglaubt»): ein Satz wie in Asche liegend, zugleich ein verborgen glühender Text. Er nimmt das Sterben der Alten Priorin vorweg, ihr entsetztes «Dieu nous délaisse, Dieu nous renonce» («Gott gibt uns auf, sagt sich von uns los»).
Die Operngeschichte kennt kaum Erschreckenderes als jene Szene, in der tiefe Zweifel an einen vermeintlich grausamen, selbstgefälligen, lebensfernen, freudlosen Gott offenbar werden und die Trunkenheit an der Religion offener Rebellion weicht. Sylvie Brunet spielt und singt das grandios, macht die Szene zum Höhepunkt der Aufführung in der Inszenierung von Christophe Honoré – der ersten Opernregie dieses Autors und Filmemachers. Die explizite Religionskritik des Regisseurs manifestiert sich nicht zuletzt dadurch, dass das Motto gegen Ende zu «Nous avons l’amour pour nous» verkürzt wird. Was uns bleibt, sind wir selbst.
Ohnehin hat Poulencs Katholizismus Beichtväter vermutlich erröten lassen. Zur geliebten Schwarzen Muttergottes von Rocamadour pilgerte ...
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Opernwelt Dezember 2013
Rubrik: Panorama, Seite 41
von Gerhard Persché
Von der «tumbheit über die unstaete zur staete» – Wolfram von Eschenbachs wunderbare Beschreibung des Lebenslaufes von Ritter Parzival findet ihren Niederschlag noch in Richard Wagners «Bühnenweihfestspiel». Wie ein Ahnungsloser über eine Entwicklungsphase des Suchens, Erprobens, Sich-die-Welt-Aneignens schließlich zur richtigen Erkenntnis des Schönen, Wahren,...
Schon seit Längerem zerfließen die Grenzen zwischen traditioneller und historisch informierter Aufführungspraxis von Musik zugunsten eines dritten Weges, der Elemente beider Interpretationsansätze miteinander verbindet. Die Berliner Barock Solisten stehen geradezu beispielhaft für die heute schon fast selbstverständliche Offenheit und Flexibilität, mit der...
Herr Müller-Brachmann, Sie planen Ihren Rückzug von der Opernbühne – mit Anfang vierzig. Warum?
Es ist kein definitiver Abschied, aber ich fahre die Zahl der Operntermine sehr zurück. Mein Debüt an der Metropolitan Opera als Escamillo habe ich abgesagt, weil wir in dieser Zeit mit unseren drei Kindern nach Karlsruhe gezogen sind. Ein Opernleben lässt sich nur schwer...
