Schuberts Dämonen
In «Die Dämonen» berichtet Heimito von Doderer von einer Person, in der «Meuterei ausgebrochen» sei, «ein Rückzug von all dem Leben und Gewimmel rund um sie, das so vielfach an ihren zahlreichen Traurigkeiten und Niedergeschlagenheiten kalt vorbeigebraust war». Von Franz Schubert ist an dieser Stelle nicht die Rede, doch könnte man dies durchaus auf ihn beziehen; ja, es klingt nachgerade so, als hätte Doderer, als er das schrieb, gerade Schuberts schwermütig getöntes C-Dur-Streichquintett gehört.
Eventuell auch in der Interpretation von Quatuor Ebène – falls man im Himmel Platten hört. Es wäre passend, denn die Interpretation der jungen Franzosen ist, wie man so sagt, «himmlisch», geht unter die Haut, bringt uns aber auch die Hölle Schuberts in dessen letztem Lebensjahr nahe, lässt die Dämonen dieser Musik spüren. Die vielseitigen jungen Herren, gelegentlich auch im Pop-Bereich tätig und in dem Zusammenhang einmal als «Boygroup der Streichquartettszene» etikettiert, liefern hier (verstärkt durch den Cellisten Gautier Capuçon) einen interpretatorischen Präzedenzfall dieses so fordernden Werks.
Für das dritte Drittel des Albums steuert dann Matthias Goerne fünf Lieder bei. Auch in ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2016
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 28
von Gerhard Persché
Ein knappes Jahr nach John Berrys Rücktritt hat sich ein neuer Artistic Director für die English National Opera gefunden: Daniel Kramer. Wie bitte, wer? Opernmäßig startete der heute 39-Jährige 2008 in der hauseigenen Young Directors Initiative durch: Mit Birtwistles «Punch and Judy» sahnte er einen South Bank Award ab. Im Coliseum imaginierte er dann «Herzog...
Im alten Japan war Weiß die Farbe des Todes und der Trauer. Bei Romeo Castelluccis neuester Kunstanstrengung, die sich an die Inszenierung von Bachs «Matthäus-Passion» wagt, erinnert das allgegenwärtige Weiß weniger an buddhistische Trauerrituale als vielmehr an jenes Weiß, das in Galerien und Museen als Hintergrund der Präsentation von (zeitgenössischer) Kunst...
Knapp vorbei ist auch daneben. 1921 schrieb Arnold Schönberg in einer kleinen Festschrift zum Geburtstag seines Lehrers, Freundes und Schwagers Alexander Zemlinsky: «Zemlinsky kann warten.» Warten musste dieser in der Tat: Die Uraufführung seiner Oper «Der Traumgörge» ging erst 1980, mit gut 75 Jahren Verspätung, in Nürnberg über die Bühne.
Schönberg hatte das...
