Krieg im Klassenzimmer
In seiner 1935 entstandenen, aber erst 1949 uraufgeführten Kammeroper «Simplicius Simplicissimus» verbindet Karl Amadeus Hartmann die Jugendgeschichte des «einfältigen» Bauernjungen aus Grimmelshausens barockem Schelmenroman mit den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs und dem faschistischen Terrorregime des Dritten Reichs. Jochen Biganzoli, der Regisseur der eindringlichen Osnabrücker Inszenierung, verlängert die beklemmende Aktualität des leider viel zu selten gespielten Stücks bis in die Gegenwart, ohne sich verführen zu lassen, ein politisierendes Manifest abzuliefern.
Zu den harschen Dissonanzen von Hartmanns Ouvertüre treten sechs Steckenpferdreiter vor den Vorhang. Jedes Jahr galoppieren in Osnabrück Schüler mit ihren Steckenpferden durch die Stadt, erinnern damit an den Friedensboten, der 1648 auf seinem Ritt nach Münster den Abschluss des Westfälischen Friedens und damit das Ende des Dreißigjährigen Krieges verkündete. Aber das auf der Bühne zitierte Spiel bleibt nicht friedlich und artet in eine handfeste Schlägerei aus. Am Schluss stürmen die Schüler das Klassenzimmer, das Andreas Wilkens als Guckkasten auf die Szene gestellt hat, und kabbeln sich, bis der Lehrer kommt, mit ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt März 2012
Rubrik: Panorama, Seite 43
von Uwe Schweikert
Herr Kosky, Sie werden an der Komischen Oper künftig viel Operette präsentieren. Das klingt nach Nostalgie mit hippem Anstrich...
Ich werde weder nostalgische Gefühle bedienen noch den Geist des guten, alten Metropol-Theaters in neuen Outfits beschwören. Ich will vielmehr an eine vertriebene, weitgehend verdrängte und fast vergessene Tradition erinnern, die zur...
Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff sagte unlängst, die wirkliche Qualität von Büchern erweise sich erst nach dem Tod des Autors. Da könne man sehen, ob sich noch Leser fänden. Freilich hilft es, wenn ein Autor schon vor seinem Ableben ausreichend Rezipienten hat. Im Fall des polnischen Komponisten und Pianisten Mieczyslaw Weinberg (1919-1996) war Letzteres...
Katastrophal. Man hört dieses Wort oft, wenn man derzeit mit Theaterleuten in Mecklenburg-Vorpommern spricht. Zu oft, um es als Jammerruf oder Panikmache empfindlicher Künstlerseelen abzuhaken. Es sieht tatsächlich nicht gut aus für die Bühnen zwischen Stralsund und Greifswald, Schwerin und Rostock, Neubrandenburg und Anklam. Anfang der neunziger Jahre hat das Land...
